Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

Im Innern des Vulkans

*Excellentia*
Tchaikovskys 'Pathétique' haben viele Dirigenten ergreifend gestaltet. Aber keiner hat uns so tief mit ins Innere dieses Gefühlsvulkans genommen, hat uns dem Brodeln der Lava, dem Aufpeitschen der Magmawellen so nahe gebracht wie Dmitrij Kitajenko. So zählt der erste Satz zum Gewaltigsten und Leidenschaftlichsten, was man wohl von dieser Musik je erwarten kann, eine Musik, die zwar mit ihren langsamen Tempi ungewohnt klingen mag, aber letztlich keine Sekunde zu lang ist, sondern wunderbar proportioniert und ausgewogen, ohne Gefühlsduselei, dafür mit umso mehr echter Ergriffenheit. Kitajenko trägt den Ton ständig auf dem Atem, auch in langsamsten Bögen, und zwingt uns, diese Kunst der Phrasierung total auszukosten, denn von ihm geht eine magische Kraft aus. Das Adagio des Einleitungssatzes kommt aus dunkelstem Brüten. Der Orchesterschlag, der mit dem Allegro vivo im ersten Satz eine wichtige Zäsur darstellt, ist ohne jede Brutalität, dafür aber umso sonorer und von einer sagenhaften Transparenz, der uns bis in die tiefsten Tiefen des Gefühlskosmos Piotr Tchaikovskys blicken lässt. Die tiefen Streicher grollen, das Blech ruft nach dem Jüngsten Gericht... Aufbruch und Zusammenbruch folgen sich in einem orchestralen Alptraum. Zermalmend!
Das Allegro con grazia, der zweite Satz, und das Allegro molto vivace, der dritte, sind jedes auf seine Weise packend. Der falsche Charme des 'con grazia' ist bei Kitajenko das Resultat eines Feingefühls, das Probleme wittert, wo andere Dirigenten nur spielen lassen. Ein Todesgesang in heiterer Trunkenheit. Prägnant auch die falsche Eleganz und Virtuosität des dritten Satzes, eine der ergreifendsten Maskeraden der Musikgeschichte. Dabei vollzieht der Dirigent ein kontinuierliches Steigern des Klangvolumens und zeigt einen fast hypnotisch agierenden Tchaikovsky, der einige Minuten lang sogar selbst an die Kraft des Aufschwungs zu glauben scheint und letztlich doch nur einen gespenstischen Totentanz inszeniert.
Phrasierung und Sostenuto bringen uns auch im Finale an den Rand des gefühlsmäßig überhaupt zu Ertragenden. Die glühende Innerlichkeit des Ausdrucks und die überwältigende Sonorität des Orchesters - in erster Linie die Kohärenz und die stupende Klangfülle der Streichergruppen - sind von einer lähmenden Wirkung. Glauben Sie trotzdem nicht, dasss Kitajenko in diesem Adagio auf die Tränendrüse drücken würde. Der Finalsatz überrascht vielmehr durch die unerbittliche Ruhe und Gefasstheit und ist so das tragische Pendant zu dem aufgewühlt leidenschaftlichen ersten Satz.

Zur eindringlichen Wirkung der Musik trägt auch die Qualität des Gürzenich-Orchesters bei, dessen Musiker Kitajenko hundertprozentig ergeben sind, sowie die Surround-Aufnahme, die mit ihrem dichten und doch räumlich-transparenten Klang direkt anspricht.

Ein erschütterndes Erlebnis, das ist diese Einspielung der 'Pathétique', für mich ab jetzt die Referenzaufnahme für dieses Werk.

P.S.: Noch ein guter Rat: wenn Sie sich diese CD anschaffen und sie hören wollen, planen Sie für die Zeit danach keine andere Aktivität. Wenn es Ihnen geht wie mir, sind Sie nach den 51 Minuten 'Pathétique' fix und fertig und können höchstens die Augen schließen und weiter in der 'Pathétique' leben oder Löcher in die Luft starren ...

Pizzicato, Rémy Franck, 6/2011