Der Tag des Horns
Es war der Tag des Horns. Das Gürzenich-Orchester eröffnete in der Philharmonie unter Dmitrij Kitajenko das jüngste Abokonzert mit Webers "Oberon"-Ouvertüre, und hier hatte gleich zu Anfang das Horn Wichtiges zu sagen. Wer hier nervös wird (...), kann das ganze Schiff ins Schlingern bringen - doch nicht unter Kitajenko. Der Ehrendirigent des Orchesters hat die seltene Gabe, dank seiner außergewöhn-lichen Souveränität die Musiker in hohem Maße zu entkrampfen, und gerade dies befähigte sie nun zum Äußersten. Später (...) mutierte der zentrale zweite Satz von Tschaikowskys 5. Sinfonie (...) gleichsam zum "Horn-Konzert". So homogen, klanglich ausgereift und in sich ruhend hat man den Solo-Hornisten lange nicht erlebt. Selbstverständlich war es vor allem auch wieder einmal der Tag des Dirigenten. Nicht nur, dass das Orchester ihm (...) quasi blind zu folgen versteht. Kitajenkos Live-Auftritte sind jedes Mal von einer Spannkraft gekennzeichnet, die Musiker und Publikum geradezu elektrisiert. Dabei entschlüsselt er die jeweiligen Partituren, diesmal auch Mozarts "Linzer"-Sinfonie, mit der Schärfe eines Seziermessers; und doch wirkt alles spontan, quasi aus dem Augenblick heraus geboren.
Eine seiner besonderen Eigenschaften (das Finale bei Tschaikowsky bewies es wieder eindrucksvoll) ist zweifellos seine besondere Fähigkeit zur Steigerung. Wo andere ihr Pulver längst verschossen haben, ist der Russe noch in aller Ruhe mit dem Aufbau beschäftigt. Dass seine Höhepunkte dann schließlich von besonderer Qualität sind, versteht sich von selbst. So entfaltete sich bereits bei Weber das frühromantische Themengeflecht mit entwaffnender Natürlichkeit. Und erst Mozart! Nichts wirkte hier aufgesetzt oder erzwungen. Das "Andante" der Sinfonie erblühte in Schönheit und das abschließende "Presto" verlor bei aller Spritzigkeit nie die Balance. Bei Tschaikowsky trat noch der Bonus der "Seelen-Verwandtschaft" hinzu. Kaum ein Dirigent vermag die Emotionalität dieser Literatur so authentisch zu vermitteln wie Kitajenko. Nie sentimental, sondern eher mit Augenmaß und klarem Verstand. Das Orchester spielte in allen Gruppen wie entfesselt. Meisterhaft!
Volker Fries, Kölnische Rundschau, 21. März 2011
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