Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

"Großartiger Einstand"

Tschaikowsky: Manfred-Sinfonie h-Moll op. 58

Dmitrij Kitajenko ist auf dem besten Weg, das Kölner Gürzenich-Orchester zu einem Spezialisten für russische Musik zu machen. Kitajenko, seit 2009 Ehrendirigent des Gürzenich-Orchesters, hat bereits einen mit hohen Auszeichnungen bedachten Schostakowitsch-Zyklus in Köln erarbeitet, gefolgt von einer Gesamteinspielung der Sinfonien Sergej Prokofjews, die weithin als einer der wegweisenden gilt. Nun macht sich Dmitrij Kitajenko daran, das Profil des Gürzenich-Orchesters in Sachen russische Sinfonik weiter zu schärfen und erschließt mit dem Kölner Klangkörper die Sinfonien von Peter Tschaikowsky. Erfreulich, dass in der bei Oehms Classics als hybride SACD erscheinenden Gesamteinspielung der Tschaikowsky-Sinfonien auch die 'Manfred-Sinfonie' h-Moll op. 58 enthalten ist, die in vielen Tschaikowsky-Reihen links liegen gelassen wird. Hier eröffnet sie sogar den Sinfonien-Zyklus.

Tschaikowskys 'Manfred-Sinfonie' bietet vielerlei Schwierigkeiten für Interpreten. Einerseits eröffnet sie gute Gelegenheiten, die Qualitäten eines Orchesters auf wirkungsvolle Weise zu präsentieren. Andererseits droht sie leicht in Einzelteile zu zerfallen (...). Das Disparate, das die musikalische Strukturierung bestimmt (...), bietet nicht wenige interpretatorische Probleme. Es allen Widerständen zum Trotz zu einem Gesamten zu verbinden, erfordert viel Geschick und klaren Überblick. Man kann die 'Manfred-Sinfonie' interpretatorisch überzeugend stemmen, wie Vasily Petrenko es macht: Die Musik ständig auf Hochtouren halten und noch jedes Sechzehntel mit Dynamit füllen. Oder man wählt den – gleichermaßen, wenn nicht sogar ein wenig mehr für sich einnehmenden – von Kitajenko eingeschlagenen Weg: mit sorgfältigem Überblick der über einstündigen Sinfonie große Bögen zu gestalten und Überleitungspartien (etwa in dem wuchtig genommenen Übergang zum 'Lento'-Abschnitt im Finale) gleich große Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie dem Thematischen. Die konzise formulierten musikalischen Charaktere geraten dabei nicht aus dem Blick, sondern werden kunstvoll und mit höchstem Sachverstand hinsichtlich der orchestralen Balance kompakt modelliert. Dmitrij Kitajenko schlägt Tempi an, die sich zumeist auf der langsameren Seite bewegen. Doch das gibt ihm – und vor allem den Musikern – Freiraum, die Stimmungen farblich schön einzufangen und auszuspielen. Das zahlt sich nicht zuletzt im zweiten Satz aus, dessen Holzbläserschillern hier duftig über die Bühne kommt, und auch das hochsensibel und zugleich natürlich aussingende lyrische Streicherthema wird feinfühlig zum Klingen gebracht.

Das Orchester erweist sich als ein vor allem die Farben der einzelnen Gruppen wunderbar schattierender Klangkörper. (...) Vor allem aber ist es die Ausgewogenheit der orchestralen Substanz (Balance zwischen Ober- und Unterstimmen!), die bei Kitajenko in jedem Moment sichergestellt ist.
Nicht zuletzt die schlichtweg hervorragende Klangtechnik (in CD- und SACD-Modus) ermöglicht es, dynamische Extreme ebenso auszukosten wie subtile Klangfarbenwechsel oder den geradezu ekstatisch-dämonischen Schlagwerkeinsatz Ende des ersten Satzes. Dass Kitajenko die Orgel im Finale nicht mit vollem Werk eintreten lässt, sondern als weitere, dem Orchester dynamisch ebenbürtige Farbe begreift, ist nicht nur vor dem Hintergrund schlüssig, dass Tschaikowsky in der Partitur Harmonium oder Orgel vorsieht; vermieden wird damit auch der pathetische Aplomb, der dem Stück ansonsten einen Heiligenschein verpasste, der dem Ende des "Manfred" schlecht anstünde.

Tobias Pfleger, klassik.com, 02.06.2011