Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

Prokofjew aus Köln

Interpretation: *****
Klangqualität: *****
Repertoirewert: ****
Booklet: ****

Die meiste Zeit seines Schaffens, von 1916 bis 1952, hat sich Sergej Prokofjew (1891-1953) mit der Gattung Sinfonie auseinandergesetzt. Das Ergebnis sind sieben teils sehr unterschiedliche Exemplare, von denen auf den Konzertbühnen nur die Erste in D-Dur op. 25, mit dem Beinamen ´Klassische´, und die Fünfte in B-Dur op. 100 öfter zu hören sind. Auf CD wird man unter den Gesamteinspielungen jüngeren Datums kaum fündig, die letzte stammt von Valerie Gergiev und dem London Symphony Orchestra aus dem Jahr 2004. Da trifft es sich gut, dass nun bei Edition Phoenix eine neue Gesamteinspielung der sieben Sinfonien des Ukrainers erschienen ist. Die Namen von Dirigent und Orchester lassen aufhorchen, denn man kennt sie nicht zuletzt von dem doppelt preisgekrönten Zyklus der Sinfonien Dimitri Schostakowitschs (1906-1975). Es handelt sich es Dimitri Kitajenko und das Gürzenich-Orchester Köln.

Kitajenko und das Kölner Orchester beweisen auch bei Prokofjew, dass sie eine schwer zu übertreffende Kombination bilden. Verwundern tut das wenig, da der 1940 im heutigen St. Petersburg geborene Dirigent mit Orchesterwerken russischer Komponisten bestens vertraut ist und das Gürzenich-Orchester zu den traditionsreichsten Klangkörpern Deutschlands zählt. Als Chefdirigenten leiteten es unter anderem Ferdinand Hiller, Hermann Abendroth und Günter Wand.

Interessant sind vor allem die weniger bekannten Opera Prokofjews. Das bedeutet nicht, die tonal und formal eher traditionell gehaltenen Sinfonien Nr. 1 und 5 würden weniger überzeugend interpretiert, obwohl in der Ersten die an der Wiener Klassik orientierte ironische Verspieltheit im Gestus vielleicht noch etwas zugespitzter hätte sein dürfen. Interessant sind die d-Moll Sinfonie op. 40 Nr. 2 und die c-Moll Sinfonie op. 44 Nr. 3, weil sich hier Seiten der Vielseitigkeit und Modernität Prokofjews auftun, die man eher von Ballettmusiken wie der ´Skythischen Suite´ op. 20 oder ´Der Stählerne Schritt´ op. 41a kennt.

Der spannende, von einer fahlen Grundstimmung geprägte Variationensatz der zweiten Sinfonie wird in seinem vielfältigen Formen- und Ausdrucksspektrum von Kitajenko und dem Gürzenich-Orchester voll zur Entfaltung gebracht. Besonders beeindruckt hier die flächige Gestaltung der tiefen Register, wenn zu Beginn das Thema erklingt. Rhythmisch prägnant agieren im vorangehenden Allegro ben articolato die hochkonzentriert und zugleich sehr frei wirkenden Streicher. Von gewalttätiger Intensität sind im Schlusssatz der dritten Sinfonie die Klangballungen, mit der die Komposition beinahe abrupt endet.

Dank Kitajenkos für Übersichtlichkeit sorgendem Zugriff und der nie nachlassenden Spannkraft des Gürzenich-Orchesters büßen ebenfalls ausgedehnte langsame Sätze wie das 17minütige Largo der sechsten Sinfonie in e-Moll op. 111 nicht an Kurzweil ein. Hervorheben muss man in diesem Zusammenhang den tiefenwirksamen, starken Streicherklang, der in Kombination mit dem differenziert gehandhabtem Blech wunderschöne Mischklänge hervorbringt. Dass es sich um Live-Aufnahmen aus der Kölner Philharmonie aus den Jahren 2005 bis 2007 handelt, bemerkt man erst, wenn man es in den informativen Booklets liest.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass der ästhetisch ansprechende Schuber mit fünf CDs die vierte Sinfonie in C-Dur sowohl in der Originalversion von 1930 als auch in der bearbeiteten Fassung aus dem Jahr 1947 enthält. Das ergibt insofern Sinn, als sich beide Versionen deutlich voneinander unterscheiden. So ist die mehr an der ersten Sinfonie orientierte Originalversion der Vierten op. 47 rund 14 Minuten kürzer und weniger reich instrumentiert als die Bearbeitung op. 112, die um einiges ernster und schwerer klingt.

Aron Sayed, www.klassik.com, 02.11.2008

Zurück