Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

pizzicato-Excellentia: Ohne Maulkorb

(...) Nach Gergievs Set mit dem LSO kam 2008 bei Phoenix ein neuer Zyklus mit dem Gürzenich-Orchester und Dmitrij Kitajenko heraus, die bereits mit einem Shostakovitch-Zyklus ihre chemisch potente Zusammenarbeit unter Beweis gestellt hatten. Diese Aufnahme fand damals unerklärlicherweise nicht den Weg in unsere Redaktion (...). Dem Set soll jetzt in unseren Spalten die nötige Würdigung zukommen, spät, aber dafür umso nachdrücklicher. Denn es besteht kein Zweifel daran: Kitajenkos Prokofiev-Symphonien sind Referenzeinspielungen. Kein anderer Dirigent, auch Gergiev nicht, hat das symphonische Material so plastisch dargestellt, ist so tief in die sieben Werke eingedrungen. (...) Kitajenko lässt sich nicht einfach, wie Gergiev das macht, von der Sonne erhitzen, er behält einen kühlen Kopf und strukturiert so souverän wie kein anderer Dirigent, stets besorgt, ein Höchstmaß an klarer Architektur und an klanglicher Transparenz zu erzielen. Das Resultat ist ein Klangreichtum ohnegleichen, in dem sich uns Prokofievs geniale Einfallskraft offenbart wie nie zuvor.

Schon in der Ersten Symphonie macht Kitajenko klar, dass es ihm um die Substanz geht und nicht um oberflächlichen Glanz. Seine Tempi sind gemäßigt, Prokofiev selber verschwindet nicht ganz hinter der klassischen Fassade. (...) Die zweisätzige Zweite Symphonie kommt in ihrer ganzen Ausdrucksgewalt herüber, genau wie die Dritte, die ich noch nie so packend gehört habe, in der ich noch nie so gut die verschiedenen Ebenen verfolgen konnte, auf denen manchmal - im Kontrast gehört - die ungeheuerlichsten Dinge passieren.

Kitajenko dirigiert von der 4. Symphonie sowohl die Originalfassung von 1930 als auch die revidierte Version von 1947, was durchaus Sinn machte, denn die beiden Fassungen unterscheiden sich doch sehr. (...) Kitajenko bemüht sich, die zum Teil atemberaubenden Klangwirkungen der revidierten Fassung besonders deutlich werden zu lassen. (...)

Ohne Ausnahme haben wir es also hier mit meisterhaften Darbietungen zu tun, deren Inspirationsniveau beim Dirigenten wie bei den Orchestermusikern maximal ist. Und da auch die Tontechniker sich um ein räumlich bestens aufgebautes Klangbild bemüht haben, ist alles erfüllt, um nicht nur von einer herausragenden, sondern von einer Bestleistung zu sprechen. Das ist der Prokofiev-Zyklus, den man haben soll.

Rémy Franck, Pizzicato, Februar 2011

 

 

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