Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

"Pathétique": "Tschaikowskys sinfonischer Abgesang als große Emphase"

Auf dem Plattenmarkt wachsen derzeit neue Aufnahmen von Peter Tschaikowskys Sinfonien wie Pilze aus dem Boden. Mikhail Pletnev ist beispielsweise mit einer neuen Gesamteinspielung beschäftigt, die sechste Sinfonie, die "Pathétique" liegt nun gleich in drei Neuveröffentlichungen vor: unter Christoph Poppen, Dmitri Kitajenko und dem vor einem Jahr gestorbenen Charles Mackerras.
Sehr unterschiedliche Aufnahmen

Erste Unterschiede zeigen sich schon bei der Tempowahl: "Allegro non troppo" - schnell, aber nicht zu sehr - hat Tschaikowsky den ersten Satz (nach einer langsamen Einleitung) überschrieben. Wie aber soll das nun klingen?

Poppen und die Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern nehmen den Satz relativ zügig und schlank im Ton. Deutlich langsamer dagegen versteht Kitajenko diese Musik. Schwüler, melancholischer, düsterer - so spielen die Musiker des Kölner Gürzenich-Orchesters diesen Kopfsatz. Für einen Mittelweg entscheiden sich Mackerras und das Philharmonia Orchestra.

Gibt es überhaupt einen Königsweg? Nicht wirklich. Diese drei Aufnahmen sind zu großen Teilen sehr unterschiedlich und verdienen dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - alle genauere Aufmerksamkeit. Poppen und Kitajenko stecken mit ihren Orchestern mitten in einem Tschaikowsky-Zyklus mit Aufnahmen sämtlicher Sinfonien. Bei Mackerras handelt es sich um den Mitschnitt eines Konzerts im Februar 2009 in London. (...)

Im dritten Satz geht es dann mächtig zur Sache. Kitajenko lässt diese Musik auf der Basis eines warmen, strömenden, aber zugleich transparenten Klangs glutvoll brodeln. Ein Parforceritt über düstere Abgründe. Auch hier bildet Poppen wiederum den Gegenpol: Tschaikowsky, lichtdurchflutet, agil, aber von Schwermut oder gar Weltuntergangsstimmung ist nichts zu spüren. Dafür wirkt er eine Spur zu sehr kalkuliert. (...)

In diesem Satz (dem dritten, Anm. d. Red.) ist übrigens die Kitajenko-Aufnahme mindestens gleichwertig. Tschaikowskys sinfonischer Abgesang als große Emphase!

Christoph Vratz, NDR, 10.08.2011