Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

Ganz ohne fettes Pathos

Über Russland sind in Mitteleuropa unsägliche Klischees im Umlauf. Das Orchestre Philharmonique (OPL) und Gastdirigent Dimitrij Kitajenko haben im Abokonzert gezeigt, wie transparent, entschieden und unsentimental russische Musikkultur klingen kann. Welch großartiger Moment! Mitten in sein 1. Cellokonzert hat Dimitri Schostakowitsch einen rein solistischen Satz gestellt - Musik zwischen Versunkenheit, Trauer und Auflehnung. (...) Und wer außer Widmungsträger Rostropovitch könnte diese Musik wohl eindringlicher spielen als Truls Mørk! Der norwegische Cellist entwickelt im Abokonzert des Orchestre Philharmonique die Kadenz zu bedrängender Intensität, glänzt zudem in der Rastlosigkeit der Ecksätze mit uneitler Brillanz und musiziert überhaupt auf einem fast bestürzend hohen Niveau. Die Cello-Höhe, meist eine Region unfreiwilliger Komik, nimmt er rein, klar, ohne Klang- und Intonationsverzerrungen. Und Gastdirigent Dmitrij Kitajenko tariert die Bläser im Orchester präzise zu einem charakteristisch hellen, glockenartigen Klang aus. Im langsamen Satz schließlich entwickelt sich einen Volkslied-Tonfall, eine zarte Idylle, die in ihrer introvertierten Schlichtheit wie ein leise provokanter Gegensatz klingt zur Atemlosigkeit der schnellen Sätze.

Dieser Abend in der Luxemburger Philharmonie kam ganz ohne fettes, überbordendes Pathos aus, ohne Tränenseligkeit und ohne Sentimentalität. Kitajenko zielte in Tschaikowskys Vierter auf mal zarte, mal energische Deutlichkeit. Mag sein, dass das Orchester mit dem sanften Schwung, den der russische Dirigent im Kopfsatz wohl intendierte, seine Schwierigkeiten hatte. In den übrigen Sätzen und vor allem im Finale steigerten sich die Luxemburger zu beeindruckend markanter Brillanz - präzise, hell und gelegentlich sogar mit einem ballettnahen, spielerischen Beiklang.

Diese Interpretation hat nichts zu tun mit dem Kultur-Klischee von Wodka, Balalaika und russischer Seele und auch wenig mit dem wuchtig-pathetischen Tschaikowsky-Stil, der sich außerhalb Russlands verbreitet hat. Sie repräsentiert die Musikkultur von Schostakowitsch, Prokofjew, Kabalewskij und Jewgenij Mrawinskij, dem legendären Chefdirigenten der Leningrader Philharmonie.

Martin Möller, "Der Triersche Volksfreund", 16. Januar 2011

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