"Packende Präzision" - Kitajenko dirigiert Tschaikowski im Großen Concert
Es muss nicht immer die Pathétique sein. Die Fixierung auf die drei letzten Symphonien Tschaikowskis verstellt den Blick auf seine anderen Werke. Wie die Erste mit dem Beinamen "Winterträume" (...) Entgegen dem Klischee vom gefühligen Russen erweist sich Tschaikowski hier schon in seinem Erstling als bedeutender Symphoniker, der mit kompositorischer Substanz und origineller Formkonzeption aufwarten kann (...) Kitajenko ist ein Spezialist fürs russische Repertoire und legt am Donnerstag eine hochkonzentrierte Interpretation der drei Werke vor, die auf diesem adventlich angehauchten Konzertprogramm stehen. Ernsthaft ist sein Tschaikowski, nobel, nie geschmäcklerisch, obwohl Kitajenko stets aufs Ganze geht. Selbst die Auszüge aus dem Nussknacker laufen nie Gefahr, nach Kitsch zu klingen. Weil sie nämlich keiner sind, eigentlich - auch wenn die gestrenge deutsche Musikwissenschaft lange Zeit anderes glaubte. Das alles wäre nicht halb so schön, könnte Kitajenko nicht auf ein Gewandhausorchester zurückgreifen, das exzellent in Form ist und ihm zauberische Momente in Serie liefert. (...) Zum abschließenden Höhepunkt (...) zeigt das Gewandhausorchester dann noch einmal die ganz große Farbpalette. Und Kitajenko hat's im Griff, treibt das Orchester zu Höchstleistungen, erzeugt mit Zielgenauigkeit und Chuzpe reichlich Klangzauber. So gespielt, klingt Tschaikowskis genial instrumentiertes Werk frisch und mitreißend, so als habe man es nicht schon x Mal gehört. Denn Kitajenko weiß genau, wie man diese Noten zum Blühen bringt. Der russische Tanz schlägt maßlos über die Stränge, der Pas de deux singt sich leidenschaftlich aus. Doch zum Höhepunkt gerät ausgerechnet der vielstrapazierte Blumenwalzer, bei dem die Geigen so viel zauberisch morbides Parfum in die Phrasen legen, dass man schon arg abgebrüht sein muss, um nicht davon berührt zu werden. (...) Dieses Gewandhauskonzert verdient sicherlich nicht den Preis für das mutigste Konzertprogramm. Den eigenen Anspruch, ein großes zu sein, löst es aber überreich ein.
Benedikt Leßmann, "Leipziger Volkszeitung", 18./19. Dezember 2010
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