"Russische Apokalypse"
"Man hört immer wieder, die Musik wäre eine universelle Sprache, die keine Grenzen kennt. Aber nichtsdestotrotz scheinen die nationalen Klischees auch im globalisierten Konzertbetrieb höchst lebendig zu sein. Der Italiener dirigiert also Verdi, der Deutsche Beethoven ... Und so hatte man nun auch bei den Philharmonikern für einen russischen Abend ein Team aufgeboten, das sich komplett aus den ehemaligen Sowjetrepubliken rekrutierte. Angeführt von Altmeister Dmitrij Kitajenko am Pult. Wobei dessen Lesart von Prokofjews vierter Sinfonie zunächst nur bedingt überzeugen wollte. Denn auch wenn das Werk seine Ballettvergangenheit gerade in der hier gewählten Erstfassung nicht verleugnen konnte, war von tänzerischer Leichtigkeit nur wenig zu spüren. Ein kleiner Aufschwung kam danach mit Tschaikowskys Rokoko-Variationen, bei denen Cellistin Tatjana Vassiljeva um nuancierte Gestaltung bemüht war. (...) Deutlich spektakulärer erwiesen sich hingegen Rachmaninows "Glocken". Vom Komponisten harmlos als 'Liederzyklus' bezeichnet, offenbarte hier bereits der erste Einsatz des machtvoll auftrumpfenden Philharmonischen Chores die wahre Gestalt dieser Edgar-Allan-Poe-Vertonung. Ein Klang-Epos in Cinemascope-Format, das im dritten Satz fast schon apokalyptische Züge annimmt, für die Kitajenko Chor und Orchester entfesselt musizieren ließ. Dazu kamen mit Olga Guryakova und Arutjun Kotchinian zwei erfahrene Solisten, die sich gegen das übergroße Ensemble zu behaupten wussten, sowie mit Dmytro Popov noch ein interessanter junger Tenor, dessen Stimme heldischen Glanz und lyrischen Schmelz verbindet. Sodass man seinem bevorstehenden Staatsoperndebüt mit Spannung entgegensieht."
Tobias Hell, "Münchner Merkur", 8. November 2010
Zurück