Dimitrij Kitajenko (Dmitry, Dmitri, Dimitri, Kitayenko, Kitaenko)
Kitajenko

Spiel auf Weltniveau

Sergej Prokofjew hat seine vierte Sinfonie gleich zweimal komponiert: zuerst 1930 im französischen Exil und dann noch einmal 1947, elf Jahre nach seiner reumütigen Rückkehr in die stalinistische Sowjetunion. Das Gürzenich-Orchester hat beide Fassungen eingespielt; der Vergleich ist aufschlussreich, aber auch einigermaßen schockierend. Dass ein Komponist seine älteren Partituren noch einmal vornimmt, Details nachbessert, den Formverlauf strafft, die Instrumentation optimiert, ist nichts Ungewöhnliches. Aber Prokofjew hat das Werk bei der Revision vollständig zerlegt, neu zusammengesetzt und mit zusätzlichem Material verschnitten, so dass es schließlich um ein gutes Drittel länger wurde. Die gleiche Musik, die zuvor noch den lakonischen Geist und Stil des französischen Neoklassizismus atmete, präsentierte sich nun im schwer gepanzerten Klanggewand der sowjetischen Moderne. Dass dies überhaupt möglich war, sagt schon Grundsätzliches über Prokofjews Sinfonik aus: Sie gravitiert nicht zu einer ideellen oder formalen Mitte, sie bleibt stets locker geknüpft, episch und episodisch - was ihre Verbreitung im deutschsprachigen Raum naturgemäß nicht eben förderte. Das Gürzenich-Orchester ist - nach den Berliner Philharmonikern - erst das zweite deutsche Orchester, das sich an eine Gesamteinspielung dieses Werkkomplexes herantraut. Freilich hat man auf dem Weg durch das oft unwegsame musikalische Terrain mit Dmitrij Kitajenko einen erfahrenen Begleiter. Der russische Maestro hat Prokofjews Sinfonien bereits in den 80er Jahren mit den Moskauer Philharmonikern eingespielt. Die Aufnahmen für das ehemalige sowjetische Staatslabel Melodiya sind deutlich zügiger musiziert; ihr trennscharfer, ziemlich plärriger Sound entspricht der sowjetischen Klang- und Aufnahmeästhetik jener Zeit. Bei seinen Kölner Neueinspielungen hat Kitajenko 20 Jahre später offenbar ganz anderes im Sinn: Er zeigt, dass Prokofjew mit seiner oft eigenwilligen Orchesterbehandlung durchaus noch auf den Schultern der Romantiker steht, dass diese Musik überhaupt sehr viel mehr Wärme und Nachgiebigkeit ausstrahlt als man das gemeinhin erwartet. Auch das "deutsche" Klangideal des Gürzenich-Orchesters trägt dazu bei, dass man zumal in den langsamen Sätzen der vierten, fünften und siebten Sinfonie manchmal eine geradezu "brahmsische" Rundung und Sättigung erlebt. Mit geringen Einschränkungen ist dem Spiel des Orchesters dabei durchweg Weltniveau zu bescheinigen. Mit seinen idiomatisch zuverlässigen, aber völlig klischeefreien Prokofjew-Interpretationen hatte Dmitrij Kitajenko schon in den Gürzenich-Abokonzerten der letzten Jahre mehrfach eine Lanze für den Komponisten gebrochen. Die Mitschnitte der "Dritten", "Fünften" und "Sechsten" wurden nun durch Studioaufnahmen der übrigen vier Sinfonien ergänzt. (...) Wo Prokofjews Orchestersprache zur Überladenheit und Massivität tendiert, gelingt es Kitajenko immer wieder, die Textur zu lüften und zu klären, ohne dabei die Substanz aufzuweichen. Bizarre Eigenheiten der Instrumentation - wie etwa die Neigung zum melodietragenden Einsatz von Klavier und Basstuba - erscheinen unter seinen Händen völlig logisch und natürlich.

Stefan Rütter, Kölner Stadtanzeiger, 28.11.2008

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